
Allein gegen Scientology Wie sich der
Aussteiger Gerry
Armstrong gegen die Sekte wehrt - und dabei seinen finanziellen Ruin
erlebt
Frankfurter Rundschau
26.5.2004
VON GEORG A. FAUST
Gut möglich, dass dieser Text Gerry Armstrong wieder 50000
Dollar kosten
wird. Aber darauf kommt es nicht mehr an. Er steht ohnehin schon mit
mehreren
Millionen in der Kreide. Er hat sich daran gewöhnt, verfolgt,
bedroht, verklagt
zu werden. Es beeindruckt ihn nicht mehr. Er lässt sich nicht zum
Schweigen
bringen.
Gerry Armstrong ist ein schmächtiger Kanadier von freundlichem
Wesen,
dem man die 57 Lebensjahre nicht ansieht. Der dürre Hals, die
spitze Nase
und Augen, die fast nie blinzeln, verleihen ihm etwas Raubvogelhaftes.
Er spricht
auch nach Stunden noch langsam, prononciert, druckreif. Er lacht wenig.
Er flucht
nicht. Er lässt sich nicht gehen. Dabei hätte er allen Grund
dazu. Nach
einem halben Leben in Angst.
Gerry Armstrong hat Scientology verlassen. Im Dezember 1981, nach
zwölf
Jahren devoter Mitgliedschaft. Ein Aussteiger - aber kein gewö
hnlicher. Armstrong
war in der "Sea Org" - Scientologys Elitecorps, das lange Zeit
als schwimmende
Kommandozentrale auf den Ozeanen kreuzte. Er diente auf dem Flaggschiff
"Apollo"
jahrelang in unterschiedlichen Funktionen, unter anderem als "
Nachrichtenoffizier".
Anschließend stempelte er Post in Florida, drehte Filme in der
Wüste,
renovierte Häuser in Kalifornien. Er tat, was man ihm befahl. Er
war ein
guter Diener seines Herrn. Bis Januar 1980, als er Scientology-Grü
nder L.
Ron Hubbard nahe kam. Zu nahe vielleicht.
Armstrong will nicht schweigen
Damals, sagt Armstrong, habe er unerwartet Einblick in frühe
persönliche
Dokumente von Hubbard erhalten. Die Organisation habe sich seinerzeit
dazu entschlossen, einen externen Autoren mit dem Verfassen einer
Hubbard-Biographie zu beauftragen. Und er, Armstrong, sei angewiesen
worden, die nötigen Zeugnisse dafür zusammenzutragen. Also
blätterte
Armstrong in Ordnern, wühlte auf Dachböden, führte
Interviews,
stöberte
wochenlang im Leben des damals 69-jährigen Hubbard herum -und.
entdeckte
nach und nach, "dass der Mann quasi über jeden einzelnen Punkt
seines
Lebens gelogen hat".
So sei der Scientology-Gründer, anders als es die Legende will,
nie
Kriegskrüppelgewesen, daher auch nicht wundersam geheilt worden;
auch
sei Hubbard, der 1986 starb, kein ausgebildeter Nuklear-Physiker
gewesen, sondern habe bereits nach zwei Jahren die Universität
verlassen; viele der Reisen, auf denen Hubbard die Ingredienzen für
seine Lehre zusammengetragen haben will, hätten tatsächlich
nie
stattgefunden. Zudem sei Scientology, so Armstrong, von Beginn an
weniger als Religion denn als "global operierender
Geheimdienst" geplant
gewesen.
Der heilige Hubbard: ein Aufschneider? Der Mann, der sich als
überirdischer "Thetan" begriff und mit seinen
Prophezeiungen
Zehntausende zu Scientology trieb: doch ein Mensch wie du und ich? Nur
noch verschlagener? "Die Unterlagen", sagt Armstrong heute,
"ließen
keinen anderen Schluss zu." Also tat er etwas, das er mehr als ein
Jahrzehnt lang nicht mehr getan hatte: zweifeln. Es war der Anfang vom
Ende des Scientologen Armstrong. Und der Beginn eines bizarren
Kleinkriegs, den er und die Organisation sich bis heute liefern.
Gegner von Scientology, so schrieb es Hubbard 1967, müssten als
"Unterdrücker" (suppressive person) betrachtet und daher
mit der
"fair-game"-Methode, als Freiwild, behandelt werden. Das
wiederum
bedeute, dass der Feind "von jedem Scientologen um seine
Besitztümer
gebracht und in jeder Weise verletzt werden darf". Er dürfe
ausgetrickst, verklagt, belogen, im Extremfall auch beseitigt werden, so
Hubbard. Um in diesem Sinne ein Gegner zu werden, kann es schon reichen,
Scientology den Rücken zu kehren. Als Armstrong kurz vor
Weihnachten
1981 ging, nahm er Erkenntnisse mit, um die tragende Säule einer
kruden
Heilslehre nachhaltig zu beschädigen.
Deshalb vermutlich, sagt Armstrong, sei er nicht nur mit Klagen
überhäuft, sondern auch bedroht, verfolgt und überwacht
worden.
Vorwürfe, die von Scientology naturgemäß bestritten
werden. Dort
heißt
es umgekehrt, Armstrong sei ein Dieb und Gesetzesbrecher, der sich
Dokumente über Hubbard widerrechtlich angeeignet habe. 1984 kam es
in
Los Angeles zum ersten Prozess zwischen Armstrong und Scientology. Er
endete für die Seelenheiler in einem Desaster. Scientology,
urteilte
Richter Paul Breckenridge Jr., sei eine "offenkundig schizophrene
und
paranoide Organisation", die nicht nur ihre eigenen Mitglieder,
sondern
auch außenstehende "Feinde" über Jahre hinweg
"gequält
und missbraucht"
habe.
Hubbard wiederum sei ein Mann, "der erkennbar hinsichtlich
seiner
Vergangenheit, seiner Gegenwart und seiner Handlungsweisen ein
pathologischer Lügner ist. Seine Schriften und Dokumente belegen
überdies seinen Egoismus, seine Gier, seine Habsucht, sein Streben
nach
Macht, seine Rachsucht und Aggressivität gegenüber Menschen,
die von
ihm
als feindselig oder illoyal eingestuft werden". Wasser auf die
Mühlen
von Armstrong.
Danach jedoch sei die "Black-PR"-Maschine der Scientologen
erst richtig
heiß gelaufen, sagt der Kanadier. Nicht nur er sei illegal gefilmt
und
einmal gar mit dem Tod bedroht worden. Auch sein Anwalt Michael Flynn
sei samt Familie zum Freiwild der Sekte erklärt geworden. Ende 1986
schließlich knickte Flynn ein und handelte mit Scientology-
Anwälten
einen Vergleich aus: Er sah vor, dass die Organisation Armstrong eine
halbe Million Dollar zahlt und ihn fortan in Ruhe lässt - umgekehrt
sollte Armstrong sich verpflichten, nie wieder ein Wort über
Scientology
zu sagen. Flynn beschwor Armstrong zu unterschreiben. Der Vergleich,
argumentierte er, werde vor Gericht nie Bestand haben, da er gegen die
verfassungsmäßig verankerte Redefreiheit verstoße. Es
sei somit
gefahrlos, seinen Namen darunter zu setzen. Also unterschrieb Armstrong.
Der vermutlich folgenschwerste Fehler, den er je beging.
Denn kaum war die Tinte unter dem Vertrag trocken, ging das
Scharmützel
weiter. Wer zuerst seinen Teil der Abmachung brach, lässt sich
nicht
zweifelsfrei rekonstruieren. Armstrong habe weiter "Lü
gen" verbreitet,
heißt es bei Scientology. Scientology habe unmittelbar nach
Vertragsabschluss "kompromittierende Unterlagen über ihn an
die Los
Angeles Times gespielt, sagt Armstrong. Für ihn ein sicheres Indiz,
dass
sich nichts geändert hatte. Also redete er, vor Gericht, vor
Journalisten, weiter: über die Lehre vom scientologisch
erleuchteten
Menschen, die nichts als ein Ammenmärchen sei; über Straflager
der
Sekte, in denen unbotmäßige Mitglieder erniedrigt und
gebrochen würden
und wo er selbst zweimal eingesessen habe; über Hubbards "
Auditing",
mit
dem angeblich die Grundlage zur geistigen Befreiung gelegt wird und das,
so Armstrong, doch nur zur späteren Erpressung von Mitgliedern
benutzt
werde.
Lager für unbotmäßige Mitglieder
Weitere Klagen folgten. Und womit Armstrong nicht gerechnet hatte,
geschah 1995: Ein Richter im kalifornischen Marin County verurteilte
ihn, 300 000 Dollar zu zahlen - 50 000 für jede bekannt gewordene
Äußerung über Scientology. Armstrongs Einwände, es
habe kein
rechtsstaatliches Verfahren gegeben, er sei nicht einmal beteiligt
worden, wurden nicht gehört. Stattdessen folgten in den darauf
folgenden
Jahren weitere Zahlungsbefehle. Die Ansprüche, die Scientology
geltend
macht, summieren sich inzwischen auf mehr als zehn Millionen Dollar. Als
Armstrong schließlich fürchten musste, im Gefängnis zu
landen,
verließ
er die USA - der Beginn einer Odyssee, die bis heute anhält.
Sie führte ihn im Jahre 2002 auch nach Deutschland, "eines
der wenigen
Länder", sagt Armstrong, "das Scientology noch Paroli
bietet".
Hier fand
er vorübergehend Unterschlupf bei Pfarrer Thomas Gandow, dem
Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. In
dessen Wohnort im Brandenburgischen häuften sich, kaum dass
Armstrong
eingezogen war, die Merkwürdigkeiten. Männer, erzählt
Gandow, seien
im
Dorf vorgefahren und hätten seine Nachbarn über ihn
ausgefragt;
Flugblätter der Berliner Scientology-Filiale kursierten plö
tzlich im
Dorf, auf denen Armstrong als "ausgemachter Hochstapler"
bezeichnet
wurde.
An Weihnachten 2002 habe gar ein Fremder bei seiner Frau ein Pä
ckchen
für Armstrong abgegeben, sagt Gandow - darauf eine schwarze
Christbaumkugel. Gefragt, von wem das Päckchen stamme, habe der
Fremde
geantwortet: "Von Lisa." Zufall oder nicht: Im Dezember 1995
war die
Scientologin Lisa McPherson unter bis heute ungeklärten Umstä
nden
gestorben. Das Päckchen, sagt Gandow, habe zwar nur schlechte Kekse
enthalten - "es hat aber seine Wirkung nicht verfehlt".
Inzwischen ist Armstrongs Aufenthaltserlaubnis für Deutschland
abgelaufen.
Er lebt wieder in Kanada. Und muss sich weiter vor Gericht zur Wehr
setzen. Erst
im April fand in Marin County ein neuer Prozess statt. Es war der
sechste bislang.
Und nach Lage der Dinge wird es nicht der letzte bleiben. Armstrong
hätte
sich gerne besser auf die Verhandlung vorbereitet. Nur leider war das
nicht möglich:
Sein umfangreiches Archiv, das er von Deutschland aus nach Kanada
verschifft hatte,
kam nicht rechtzeitig in British Columbia an. Die
Schifffahrtsgesellschaft musste
ihm mitteilen, dass noch ein weiterer Gerry Armstrong einen Auftrag
erteilt habe.
Die Ladungen habe man bedauerlicherweise verwechselt. Zufälle
gibt's, die
glaubt man kaum.
--- |